Allgemeines
 

Scirpetum sylvatici
 
Im Verband Calthion werden gedüngte und gemähte Sumpfwiesen zusammengefasst. In der Regel handelt es sich um Ersatzgesellschaften von Au- und Bruchwäldern. Dabei zeigt die Wald-Simse (Scirpus sylvaticus) quellige oder sonstwie stärker vernässte Stellen an.  Deshalb ist das Scirpetum sylvatici meist nicht großflächig ausgebildet sondern inselartig an Hangmulden und ähnlichen Stellen in Wiesenkomplexe eingebettet. Aufgrund dieser Standortansprüche leitet die Waldsimsen-Wiese sowohl zu den Binsen-Wiesen des Verbands Juncion acutiflori als auch zu Kleinseggenrieden der Klasse Scheuchzerio-Caricitea fuscae über, deren Arten nicht selten als Begleiter beigemischt sind.

Die Sumpfwiesen gehören zu den großen Verlierern bei der Industrialisierung der Landwirtschaft. Nicht nur der Ertrag der -zumindest nach heutigen Maßstäben- extensiv genutzten Wiesen ist nicht mehr rentabel. Auch lassen die Bodenverhältnisse eine Bearbeitung mit dem heute üblichen schweren landwirtschaftlichen Gerät oft nicht zu. Intakte Calthion-Wiesen findet man deshalb heute vor allem in Naturschutzgebieten, wo die traditionelle Bewirtschaftung als Biotoppflegemaßnahme durchgeführt wird.

Weil es heute kaum noch bewirtschaftete, aber viele brachgefallene Sumpfwiesen gibt, findet man heute oft nur noch uncharakteristische Artenkombinationen mit mehr oder weniger zufälliger Dominanz einer Art. Das hat Bearbeiter dazu bewogen, dem Scirpetum sylvatici den Rang einer Assoziation abzusprechen. In dieser Richtung am weitesten geht das Verzeichnis [...] der Pflanzengesellschaften Deutschlands (Bundesamt für Naturschutz 2000), das von allen unten aufgeführten Calthion-Gesellschaften nur noch dem Angelico-Cirsietum oleracei (siehe Ähnliche) Assoziationsrang zugesteht.

Die Synopsis der Pflanzengesellschaften Deutschlands, Heft 9 (Göttingen 2004) gesteht der Waldsimsen-Wiese allenfalls noch den Rang einer Gesellschaft zu, weil die Waldsimse nach Ansicht der Bearbeiter zu stark in andere Biotope ausgreift. Möglicherweise gilt dies überregional; in der Eifel lässt sie sich nach meiner Erfahrung ziemlich eindeutig ansprechen. Es ist vielleicht auch kein Zufall, dass die Assoziation von SCHWICKERATH 1944 nach Funden aus der Eifel um das Hohe Venn aufgestellt wurde.
 

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Charakterarten
 
 
Scirpus sylvaticus
Einzige Assoziationskennart ist die Wald-Simse (Scirpus sylvaticus). Dieses Sauergras ist durch eine ausladende Spirre als Blütenstand ausgezeichnet, d.h. dass die Seitentriebe des Blütenstands über das Ende des jeweiligen Haupttriebs hinauswachsen. Dadurch entsteht eine umgestülpte Rispe. Daher kommt auch die Bezeichnung: Spirre ist ein -allerdings etwas verunglücktes- Anagramm zu Rispe.

 
Caltha palustris

Oben: Der Verband hat seinen Namen nach der Sumpf-Dotterblume (Caltha palustris). Die großen "Butterblumen" bilden einen auffälligen Aspekt im Frühjahr.

 
Bistorta officinalis
Eine weitere Verbandscharakterart ist der Schlangen-Knöterich (Polygonum bistorta, neuerdings als Bistorta officinalis von der Gattung Polygonum abgetrennt), der sich  durch einen kriechenden Wurzelstock (was trotz des irreführenden Namens ein unterirdischer Spross ist) verbreitet und deshalb oft in großflächigen Beständen vorkommt.
 
Das Breitblättrige Knabenkraut (Dactylorhiza majalis ssp. m.) ist nicht so empfindlich gegen Düngung wie die meisten anderen heimischen Orchideen. Deshalb kommt es auch auf Wirtschaftswiesen vor und gilt als Verbandscharakterart der Calthion-Wiesen.

Da es wie die Wald-Simse auch weit auf andere, magerere Sumpfwiesen und Kleinseggenriede ausgreift, ist es im Scirpetum sylvatici häufiger als in anderen Calthion-Gesellschaften, so dass man es sogar als (schwache) Differentialart der Assoziation ansehen kann. 

Dactylorhiza majalis
 
Lychnis flos-cuculi Unter den Ordnungscharakterarten seien als Beispiele herausgegriffen:
Links: Kuckucks-Lichtnelke (Silene flos-cuculi, syn. Lychnis flos-cuculi)
Unten: Sumpf-Hornklee (Lotus pedunculatus, syn. L. uliginosus)

Lotus pedunculatus

 
Eine weitere Ordnungskennart ist die Kümmelblättrige Silge (Selinum carvifolia). Auch zur Blüte sind die Kronblätter nicht entfaltet, so dass sie von den Staubfäden deutlich überragt werden. So entsteht der Eindruck eines Nadelkissens.
Selinum carvifolia

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Vorkommen
 

Das Scirpetum sylvatici ist im Berg- und Hügelland auf mehr oder weniger kalkarmen Böden verbreitet. Wie die anderen Calthion-Gesellschaften ist es durch die Intensivierung der Landwirtschaft zurückgedrängt worden. Es kann sich aber nach dem Ende der Bewirtschaftung noch relativ lange stabil halten, so dass der Rückgang nicht so stark ist wie bei den anderen Sumpfwiesen.
 

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Ähnliche Gesellschaften
 
 
Cirsium oleraceum Häufig sind (bzw. waren) Artenkombinationen ohne spezifische Kennarten anzutreffen. Eine Form mit vielen hochwüchsigen Arten wie der Kohl-Kratzdistel (Cirsium oleraceum) (links) wurde als Angelico-Cirsietum oleracei beschrieben. Dominanzbestände des Schlangen-Knöterichs (unten) wurden als Polygonum bistorta- bzw. Bistorta officinalis-Gesellschaft bezeichnet. Neuerdings werden auch solche Vorkommen dem Angelico- Cirsietum oleracei zugeordnet, das damit als Zentralassoziation des Verbands Calthion behandelt wird. (Dass ausgerechnet diese Assoziation die einzige ist, die das Verzeichnis [...] der Pflanzengesellschaften Deutschlands (2000) anerkennt, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar.)
 
Bistorta officinalis-Gesellschaft

 
Sanguisorbo-Silaëtum
Als Tonbodenzeiger ist die Wiesensilge (Silaum silaus) (links der Doldenblüter mit den cremefarbenen Dolden) keineswegs nur auf Sumpfwiesen beschränkt. Als Wechselfeuchtezeiger kann sie auch auf zumindest zeitweise wesentlich trockeneren Böden vorkommen.

Eine Sumpfwiese mit vorherrschender Wiesensilge ist das Sanguisorbo-Silaëtum. Der erste Namensbestandteil nimmt darauf Bezug, dass der große Wiesenknopf (Sanguisorba major) in dieser Gesellschaft ebenfalls reichlich vertreten ist)

Die etwas wärmeliebende Gesellschaft gilt als Stromtalvegetation, sie kommt aber auch abseits der großen Flüsse vor. 

Die Zugehörigkeit der Gesellschaft zum Verband Calthion ist umstritten. Die Synopsis der Pflanzengesellschaften Deutschlands (9, Göttingen 2004) sieht sie eher als Molinion-Gesellschaft..

 
Chaerophyllum hirsutum
In den Alpen wachsen der Behaarte Kälberkropf (Chaerophyllum hirsutum ssp. hirsutum) (links) und der Eisenhutblättrige Hahnenfuß (Ranunculus aconitifolius) (unten) in Staudenfluren. In höheren Mittelgebirgen, wo sie sich als Eiszeitrelikte halten konnten, besiedeln sie feuchte Wiesen. Die Gesellschaft heißt Chaerophyllo-Ranunculetum aconitifolii.

Im Rheinland kommt die Assoziation meines Wissens nur rechtsrheinisch in einer verarmten Form ohne den Hahnenfuß vor. Dieser wächst z.B. im Ebbegebirge (nahe Lüdenscheid), was zum westfälischen Teil des Rheinischen Schiefergebirges gehört.

 
Ranunculus aconitifolius
 
Eine Reihe von Sumpfwiesen ist durch Binsen geprägt. Die Wiese der Knotenblütigen Binse (Juncus subnodulosus), das Juncetum subnodulosi, ist eine Spezialvegetation auf kalk- und nährstoffreichen, quellig durchsickerten Böden. Die Gesellschaft war schon immer selten und ist weiter zurückgegangen.
 
Das Juncetum filiformis, die Wiese der Faden-Binse (Juncus filiformis) (unten) kam als Seltenheit in kühlen Mittelgebirgstälern vor. Die Bestände sind stark zurückgegangen oder -wie in der Eifel- verschollen. Dafür ist die Art überraschenderweise in der Uferzone von Talsperren wieder aufgetaucht.

Juncus filiformis

Epilobio-Juncetum effusi

Das Epilobio-Juncetum effusi ist weniger durch die Flatter-Binse (Juncus effusus) gekennzeichnet, die in Störungszuständen auf feuchten Böden häufig ist, als durch das Sumpf-Weidenröschen (Epilobium palustre) (oben). Die Gesellschaft erscheint in durch Beweidung gedüngten Kleinseggenrieden.

 
Auf nicht jährlich gemähten Flächen wachsen höherwüchsige Staudenfluren des Verbands Filipendulion. Heute handelt es sich dabei meistens um Sukzessionsstadien, die aus nicht mehr bewirtschafteten Calthion-Wiesen entstanden sind. Die ausbleibende Mahd bewirkt eine allmähliche Nährstoffanreicherung, wodurch sich Übergänge zu den nitrophilen Staudenfluren der Klasse Artemisietea ergeben, insbesondere zu Gesellschaften der Ordnung Convolvuletalia. Deshalb besteht auch die Tendenz, solche Bestände aus den Wirtschaftswiesen auszugliedern und den Verband Filipendulion den Staudenfluren zuzuordnen.
 
Valeriano-Filipenduletum
Auch hier ist es schwierig, klar unterscheidbare Assoziationen herauszuarbeiten. Eigentlich "nur" Verbandsgesellschaft, aber zentrale Assoziation ist die Baldrian-Mädesüß-Flur (Valeriano-Filipenduletum) (links). Hier sind die namengebenden Arten auch wirklich die entscheidenden Charakterarten, das Mädesüß (Filipendula ulmaria) (weiße Blüten) und die Artengruppe um den Arznei-Baldrian, im Rheinland vertreten durch den Kriechenden Arznei-Baldrian (Valeriana procurrens) (blassrosa Blüten).

Bestände mit dem kontinental verbreiteten Sumpf-Storchschnabel (Geranium palustre) wurden als Filipendulo-Geranietum palustris abgetrennt. Diese Gesellschaft ist im Rheinland schon immer selten gewesen und vermutlich verschollen.

Neuerdings werden beide Gesellschaften vereinigt. Priorität hat dann der ältere Name Filipendulo-Geranietum palustris.

 
Abweichungen vom recht einheitlichen Erscheinungsbild der Filipendulion-Gesellschaften gibt es nur im Bereich der Stromtäler. Hier treten spezielle Stromtalpflanzen wie die Sumpf-Wolfsmilch (Euphorbia palustris) (rechts) oder (noch seltener) der Langblättrige Ehrenpreis (Veronica longifolia) hinzu. Die Gesellschaft heißt Veronico longifoliae-Euphorbietum palustris und ist heute extrem selten geworden.
Euphorbia palustris

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Joachim Schmitz,  9. VI. 2004
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